Trotz lass nach

Mein Sohn (1,5) ist zum Mittagsschlaf im Bett verschwunden und ich sitze mit einer Tasse Kaffee am Esstisch. Bebe innerlich noch etwas nach von dem Morgen – und gleichzeitig kann ich nicht aufhören zu lächeln.
Denn er hat heute seinen ersten richtigen Trotzanfall bekommen (von wegen das geht mit 2 erst los!) – und ich konnte auch innerlich gelassen daneben stehen, ab und zu ein Beruhigungsangebot machen und ansonsten einfach weiter um mein tobendes Kind herumwerkeln.

Kaffeeschale mit Milchkaffee
Und das sage ich jetzt nicht, weil ich die Survivalguide-Trotzphasen-Autorin bin, die natürlich ihr trotzendes Kind im Griff hat. ;- ) Sondern weil ich noch ganz überrascht bin, DASS der Trotzanfall heute mir nicht an die Substanz gegangen ist.

Bei Kind 1 ganz anders

Mit Sohn Nr. 1 gab’s so krasse Trotz-Szenen vor 4 und 3 Jahren, dass ich teilweise abends nur noch völlig fertig in der Küche auf dem Boden gesessen habe und gehofft habe, dass dieser Tag bald vorbeigeht. Alles löste wüstes Geschrei oder Geheul aus – und das (wie ich dachte) völlig unberechenbar.
Aus der Verzweiflung über die Trotzphase mit Kind Nr. 1 habe ich meinen Ratgeber (Arbeitstitel vor 3 Jahren: “Leben Sie schon oder schreien Sie noch? So überleben Sie die Trotzphase Ihres Kindes” :- ) konzipiert und an Verlage geschickt. Denn wie die meisten Autoren schreibe ich die Bücher, die ich selber eigentlich lesen möchte – und ein absolut praxisnaher Trotzphasen-Ratgeber war mein Wunschtraum. Mann, ich wollte den nicht schreiben, ich wollte ihn kaufen! :- ) Denn nach dem ersten Jahr Trotzphase standen meine Regale voll mit Büchern – und trotzdem lagen Tag für Tag die Nerven blank mit meinem Sohn.

Also suchte ich mir Tipps und Hilfen anderswo zusammen. „Was kann Mama tun, um nicht die Nerven zu verlieren?“, „Wie komme ich wieder runter, wenn der Trotzanfall vorbei ist und ich noch völlig aufgewühlt bin?“, „Wieso wird es immer schlimmer, wenn ich versuche, ihm zu helfen?“ …
Mich hatte das Thema völlig gepackt und ich recherchierte überall. Und die Arbeit zeigte Wirkung: Es wurde Tag für Tag besser mit meinem Sohn. Aber, dachte ich, das liegt vielleicht am Alter. Er war da ja nicht mehr 3, sondern ging auf die 5 zu. Was wäre, wenn ich meinen neuen Kenntnisstand mit einem „echten“ Trotzbrocken konfrontieren müsste?

Trotzphase Comeback

Jetzt also heute morgen die Probe aufs Exempel, Trotzphase returns. Sicherlich noch nicht mit voller Wucht: Es war kein öffentlicher Rahmen, es wurde nix zerstört, es gab keine Passanten, die sich einmischen, und mein kleiner Sohn hat den „Dreh“ vielleicht noch nicht so raus – aber es war unverkennbar ein wildes Gewitter im Kopf, ausgelöst durch “Boah! Die gehen ohne mich! Ich will mit. Was??! Mama macht mir nicht die Tür auf?! Ich schrei!” – “Dann versuch ich’s eben allein!!!” (Geschrei über den eigenen Mut) – “Aber es GEHT nicht!” (Geschrei über das eigene “Versagen”) – “ Aber es MUSS doch gehen! Ich krieg’s nicht hin!!!” (ab da wildes Spiel aus Frust und Versuch, bis zum Trotzflash innerhalb von Sekunden)

… aber etwas ist anders

Und weil ich das Gewitter als solches erkannt habe, hat’s mich nicht betroffen. Bei Sohn Nr. 1 dachte ich noch: “Mein armes Kind! Ich muss diesen Anfall irgendwie abstellen!” Und dann kriegte er einen noch größeren Flash, egal ob ich nachgab oder auf ihn einredete oder zu trösten versuchte oder streng wurde. Kinder müssen durch einen echten Trotzanfall durch – das kann man nicht “abstellen”. Und wenn man es schafft, den Anfall abzubiegen, dann kommt er etwas später mit noch mehr Vehemenz raus.
Lernprozesse lassen sich ja immer schwer in Worte fassen, besonders wenn sie über so lange Zeit erfolgen, aber heute war mir auf einmal klar: Die Frau, vor der jetzt ein wild trotzender Anderthalbjähriger steht, ist nicht mehr die Frau, vor der vor ein paar Jahren sein großer Bruder stand!

Ich kann mich gedanklich von dem Kind abkoppeln, kann mir dann ruhig alle Zeichen anschauen und entscheiden “das ist ein Machtkampf” oder “das ist ein Trotzanfall”. Weiß ich das, dann weiß ich,  was ich tun kann; wie ich (vermutlich) am besten reagiere.

Zum Lernprozess gehört auch, zu erkennen, dass man sich gerade als Frau gern zurückgesetzt fühlt, wenn ein liebevolles Tröstangebot vom Kind rüde zurückgewiesen wird. Es schreit nur noch mehr oder wird sogar handgreiflich. Die Mama fühlt: “Ich biete Dir meine Arme als Schutz und Burg und Du weist mich zurück?!!”
Aber das ist aus Mama-Sicht gedacht, nicht aus Kindersicht. Braucht die Mama das Gefühl, ihr “armes” Kind zu trösten – oder braucht das Kind wirklich den Trost, in dem Moment?

Je nach Trotztyp muss ein Kind sich erstmal allein austoben, wüten, sich spüren. Manche können sich in einer engen Umarmung gut abreagieren (die muss dann aber so eng sein, dass Du nicht verletzt wirst von dem wilden Geranter!). Andere werden panisch, wenn ihnen die Freiheit zur Bewegung genommen wird.

Gleichzeitig brauchen sie aber die Gewissheit, dass sie nicht abgestraft werden. Man sollte den Wutanfall nicht ins Leere laufen lassen. Ich war also da, habe ein paar Angebote gemacht – mein Sohn ranterte aber in einer anderen Ecke. Und anders als früher konnte ich das so annehmen; fühlte nicht, dass ich versagt hatte, sondern dass er eben jetzt genau diesen Wutausbruch abarbeiten muss und ich es danach einfach noch mal versuche.
Und er war stolz wie Bolle, als er sich selber nach dem Trotzanfall gefangen hat. Ich bemerkte nur, dass er auf einmal nicht mehr tobte, sich umsah. Er ging zu einem Bilderbuch, machte ein erfreutes Geräusch und schleppte es zu mir, zum gemeinsamen Anschauen. Kuschelte sich erschöpft in meinen Arm – und lächelte erleichtert.
Und das alles vor 9 Uhr morgens. %-)

Ich drücke mir und euch die Daumen, dass es eine möglichst entspannte Trotzphase wird mit unseren Kindern. :- )

Alles Liebe,

Nina

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Anja Bagus, Nina Weber:

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Erscheint Juni 2013
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