Kinder am Bildschirm – Alternativen zur Mattscheibe

Kinder würden, wenn sie könnten, den ganzen Tag Fernsehen oder am Computer/iPad/iPhone oder einer Konsole herumspielen. Als Eltern wissen wir aber, dass zu viel Bildschirmzeit nicht gut ist. Also müssen wir festlegen, wie viel Bildschirmzeit das Kind in welchem Alter bekommt und was genau es da machen darf.

Fernseh-Gemüse mit gebanntem Blick (hier: Shaun das Schaf)

Das erfordert natürlich ein Hingucken und selber-mitmachen der Eltern und auch unangenehme Diskussionen, wenn wir entscheiden “Das ist nix für dich!”. Aber wie wir im Kapitel über Machtspielchen im Trotzphasen-Survivalguide zeigen, ist eine Haltung, die wir einnehmen, etwas, das wir begründen können. Das Gezeter ist erst einmal dasselbe wie bei einer willkürlichen Entscheidung. Aber letztlich profitieren das Kind und wir, wenn wir erklären, wieso wir uns gegen etwas entschieden haben.

Ich weiß auch nicht, warum unseren Kindern ein Bildschirm attraktiv erscheint … ;- )

Ganz wichtig:

  • Zähl in die tägliche Dosis alle Zeit, die dein Kind vor einem Bildschirm jeglicher Art verbringt — egal ob TV, Handy-Spiel, iPad!
  • Benutz einen Kurzzeitwecker, damit die Zeit eingehalten wird — und damit du nicht immer die “Böse” bist, die den Konsum unterbricht, sondern der Wecker.

Ob du dich, wie wir, auf Kompromisse bei der Zeitdauer einlassen kannst, probierst du am besten mit deinem  Kind aus. Bei Kindern vom Typ kleiner Häwelmann (siehe Der Trotzphasen-Survivalguide) kann ein Kompromiss nach hinten losgehen, weil sie immer mehr wollen. Da sind sehr strikte Regeln nötig.

Bei uns kann man sich auch mehr Medienzeit als die halbe Stunde (im Alter von 5-6 Jahren) verdienen, indem “man” (also: Kind) im Wald oder einem Klettergerüst herumtobt und sich unter freiem Himmel beim Spielen verausgabt. Eine Zeitlang war das das einzige Lockmittel, um unseren Sohn mit in den Wald zu bekommen zum Hund ausführen. Nach ein paar Wochen hat es sich dann leise verselbstständigt, dass er die Zeit gar nicht mehr in Bildschirmzeit ummünzt, sondern ohne Hintergedanken mitgeht. Weil ihm das Radfahren im Wald, das Sammeln von Brennesselspitzen für Tee und Holz für ein Lagerfeuerchen richtig Spaß macht.

Computer ist nicht automatisch Konsum!

Ganz wichtig finden wir, Kindern von Anfang an beizubringen, dass man einen Computer auch kreativ nutzen kann. Das zählt bei uns nicht in die Bildschirmzeit – das kann aber natürlich jeder anders handhaben.
Wir haben bisher jede Konsole verweigert, da wir die Spiele dafür zu sehr auf Konsum ausgelegt empfinden. (Bei sportlichen Wii-Programmen kann man sich darüber natürlich streiten.)
Stattdessen gibt’s Software auf Mamas oder Papas Computer oder Lern-Apps auf dem Smartphone.

Was tut man nicht alles für ein paar Minuten mehr Bildschirmzeit … ;- )

Viele Eltern, die voll gegen den Medienkompetenz-Trend besonders bei kleinen Kindern sind, sind selber nicht computer-affin. Sprich: Wenn sie den Computer nutzen, dann nur zum Einkaufen oder für den Konsum. Was soll das Kind dann auch anderes lernen, als selbst damit zu konsumieren? Wer das vermeiden möchte, sollte selber fit in kreativen Computerprogrammen werden (siehe unten). Denn die Kinder auf Bildschirm-Diät zu setzen, funktioniert nur bis zum Schuleintritt. Spätestens ab 12 ist eine Medienkompetenz beim Kind heute eins der wichtigsten Erziehungsziele, damit sie nicht später in der Flut der Angebote untergehen.

Was kann man mit einem Kind am Computer kreieren?

Einen eigenen Film

Biete deinem Kind an, einen eigenen “Film” mit ihm zu drehen, anstatt immer nur Filme zu gucken. Entweder das Kind ist selbst der Star des Films oder er/sie baut aus Playmobil/Lego eine Szenerie und bewegt dann die Figuren hindurch.
In vielen Elternhäusern gibt es entweder eine Videokamera oder eine Digitalkamera, die Filme aufnehmen kann.
Wenn ihr einen Mac besitzt, könnt ihr mit iMovie innerhalb von Minuten coole Filmeffekte wie einen Vorspann/Abspann und Überblendungen zwischen verschiedenen Filmschnipseln einbauen.
Mit der richtigen Software kann man aus Fotos (nicht Filmen) von Playmobil-/Lego-Geschichten auch Stop-Motion-Filme machen. Bei Youtube gibt es eine ganze Handvoll von sehr schönen Filmen, die Eltern mit ihren Kindern oder Kinder im Teenie-Alter allein gemacht haben.
Dein Kind wird dieses selbst-gemachte Kunstwerk lieben!
Wenn du streng bist, wird das Anschauen des Films in die Bildschirmzeit hineingezählt. Ich mache das nicht, da ich die Begeisterung für selbstgemachte Filme fördern will. Mich interessieren die mittel- und langfristigen Effekte: Ein Kind oder Jugendlicher, der lieber selbst etwas mit dem Computer erstellt, anstatt regungslos ballernd davorzuhängen. (Siehe auch weiter unten: Selbermalen am Computer.)

Lern-Apps

Schlag zwei Fliegen mit einer Klappe: Bei uns zählen Lern-Apps nicht als “Bildschirmzeit”. Das macht sie auch noch für 5-jährige deutlich attraktiver. (Für Jüngere würde ich nach Möglichkeit nur Lern-Apps installieren und hoffen, dass sie eine Weile nicht mitkriegen, dass es da auch noch etwas anderes gibt ;- )
Lass dich sich nicht bequatschen: Das Lernen muss im Vordergrund stehen! “Cut the Rope” ist bei uns kein Lernspiel, auch wenn man instinktiv etwas über Physik lernt. Gemeint sind Apps wie zum Beispiel von Intellijoy (“Kids Shapes”, “Kids Numbers”), mit denen Kinder (in englisch) Formen benennen lernen, mit Zahlen umgehen, Buchstaben aussprechen lernen.

Malen am Computer

Ebenfalls nicht als Bildschirmzeit zählt bei uns das Selbermalen am Computer, z.B. in einem Programm wie Gimp oder Photoshop. “Konsum” und damit Bildschirmzeit ist hingegen das schlichte Ausmalen von Malvorlagen wie mit einer App wie “ZebraPaint” und anderen. Ob ihr das auch so halten wollt, hängt davon ab, wie hoch oder niedrig ihr Computerfertigkeiten bewertet.
Um das Selbermalen attraktiv zu machen (ab 3 – 4 Jahren mit Trackpad oder Grafiktablett; ab 4 bis 5 Jahren auch mit einer kleinen Reise-Maus) kann es helfen, wenn die Eltern sich ein bisschen einarbeiten in das Grafikprogramm nach Wunsch.
Wenn du deinem Kind an sich banale Dinge zeigen kannst, wie:

  • mit Farbverläufen füllen,
  • riesige Paprika oder Leopardenmuster aufs Papier stempeln,
  • mehrere Ebenen bemalen und immer wieder verschieden in der Ansicht kombinieren, etc.

wirkt es auf das Kind wie Magie — die es schon nach kurzer Zeit begeistert und frei beherrscht.

Man muss aber dabeibleiben, da ein Kind unter 7 ja die Menüs noch nicht lesen kann.
Sinnvoll ist es auch, dem Kind einen eigenen User auf dem Computer anzulegen, der keine Admin-Rechte hat, damit es nicht mit wilden Tastenkombis und Mausclicks Ihren Rechner ins Schlingern bringt!

Hörspiele, Konzerte, …

Weitere Angebote, die sich mit einem Computer auch schon mit 3- und 4-Jährigen umsetzen lassen: “Hörspiele” aufnehmen; Lieder einsingen und mit Stimmverzerrer in GarageBand (Mac) damit herumspielen, ein “Konzert” aufnehmen.
Stephen King hat seine Kinder zum Lesen gebracht, indem er ihnen Geld für jede von ihnen eingelesene Kassette gegeben hat. Also er hat behauptet, er will Buch X als Kassette hören. Seine Kinder (ab 8-9 Jahren) haben das Buch über Tage eingelesen auf Kassette und er hat ihnen die Kassette abgekauft. Eigentlicher Sinn der Sache: Sie sollten das Buch lesen.

Warum sind wir so für das Einarbeiten der Kinder in die “neuen” Medien (die so neu ja gar nicht mehr sind)?

Es zieht Kinder fast magisch zu den Bildschirmen. Die meisten Eltern hocken davor bzw. starren auf ihr Smartphone, ältere Geschwister leben es vor und andere Kinder, die beim Einkaufen “ruhiggestellt” werden mit einer Spielkonsole. Dein Kind will das auch. Zudem geben die ganzen Apps und Spielchen einem Kind ein schnelles Erfolgserlebnis und, wenn es eine App beherrscht, das tolle Gefühl, Ordnung in ein an sich chaotisches Event bringen zu können. Alles Dinge, die sich positiv auf die Entwicklung auswirken.
Es liegt an dir, dein Kind nicht nur zu einem User zu machen, sondern Alternativen zu bieten, was man noch mit einem Bildschirm machen kann! Auf jeden Fall versuchen, die Baller-Apps und -Spiele so lange es irgendwie geht zu vermeiden.

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