Kindern etwas vorlesen

„Vorlesen für Anfänger“ könnte man diesen Post auch nennen, denn er läuft in der Rubrik „Frisch geschlüpft“ für frischgebackene Eltern.

Da Jan das Glück oder Pech hat, ausgesprochene Büchermenschen und Leseratten als Eltern zu haben, trieb uns schon früh die Frage um: Was vorlesen? Wann? Wie lange?

Wie das bei Kindern so ist, wurde alles zu grauer Theorie, als Jan lernte, sein Unbehagen kund zu tun.

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So lange die Kinder noch ganz winzig sind, so hatten wir gehört, kann man ihnen vorlesen, was man will, so lange der Text positiv gestimmt ist (die Modulation des Vorlesers ändert sich bei unheimlichen etc. Texten).

Wir lasen unsere Lieblingskinderbücher vor und auch Texte in Versen, wie zum Beispiel die großartige englische Übersetzung der „Iliad“ von Robert Fagles. Gedichte.

Ja, und dann begann das Gezeter aus dem Kinderbett, ungefähr ab dem Alter, wo Jan sich auch aufsetzen konnte. Wir stiegen ganz ganz schnell auf Bilderbücher mit kürzesten Texten um — aber das Gezeter blieb.

Vorlesen, ob auf dem Schoß, im Bett oder im Kinderwagen: Nein danke.

Man kann sich unser Entsetzen vorstellen. „Unser Kind ist noch kein Jahr alt und mag keine Bücher! Argh!“

Wie so meist fanden wir die Lösung nicht in einem unserer vielen Ratgeber für Eltern, sondern im Gespräch mit anderen Eltern. Ein Vater (István, der hoffentlich auch demnächst ein paar Tipps für diesen Blog beisteuert) erzählte uns, dass er seinen Sohn nur mit selbst erzählten Geschichten ködern konnte. Sein Sohn, inzwischen 12, liest jetzt ausgesprochen gern, also probierten wir Istváns Tipps aus.

Schon dem Baby erzählt man eine Geschichte mit einem „magischen“ Märchenanfang und -ende. Dieser Anfang und dieses Ende müssen immer gleich sein! Das ist ganz entscheidend! Ich nenne sie hier auch „magisch“, da sie Formelcharakter haben. Ihr müsst sie fast wie einen Singsang erzählen können, mit einem Touch Geheimnis in der Stimme. „Es war einmal, vor langer langer Zeit, hinter dem großen dunkelgrünen Wald …“ und: „Sie erlebten noch viele Abenteuer, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“ Oder natürlich etwas, das euch zusagt.

Dazwischen kommt eine ganz kurze Geschichte, die Gegenstände oder Erlebnisse aus dem Alltag des Kindes aufgreift. Bei uns zum Beispiel ein Hund und ein Prinz Jan, der nicht einschlafen kann oder beim Spaziergang im Wald ein paar Feenkinder trifft.

Für Kinder unter 2 kann diese Geschichte zwei oder drei Minuten lang sein. Macht die Länge von der Aufmerksamkeitsspanne eures Kindes abhängig! Lieber kürzer als zu lang, damit das Erzählen ganz positiv besetzt ist.

Wir haben das ungefähr ein gutes halbes Jahr lang gemacht. Parallel haben wir nachmittags immer zusammen Bilderbücher angeschaut und immer wieder versucht, kürzere Passagen frei nachzuerzählen. Und seit Jan zwei  ist, kann man ihm plötzlich aus Büchern vorlesen. Ohne jedes Geschrei.

Warum macht man sich den Aufwand? Weil schon das ganz frühe Vorlesen den Spracherwerb des Kindes unglaublich positiv beeinflusst. Am besten singt und liest man schon spätestens ab dem Zeitpunkt der Geburt vor. Wenn ihr mit 3 an die Wand gesabbelt werdet, so wie wir gerade, war es jeden kreativen Umweg wert, den ihr für euer Kind vielleicht gehen musstet.